Interview zum Thema Anonymität in der Datenwelt

Christoph Steindl (CS) führte am 14.12.2012 anlässlich des 15. Catalysts Coding Contests ein Interview mit Dr. Josef Küng (JK), Professor an der JKU im Bereich Informationssysteme, der sich seit mehreren Jahren mit der Anonymisierung von Daten beschäftigt.

CS: Wir leben in einer Welt, wo viele Leute gedankenlos viel von sich preisgeben – auf Facebook, in Blogs usw.
Kommen wir mit den Telefon-Bewegungsdaten nicht in einen Bereich, wo man zum gläsernen Menschen wird?
Auch wenn es Millionen Mobiltelefone in Österreich gibt, kann man doch problemlos herausfinden, wer sich wann wo aufgehalten hat.
Stimmt das?

JK: Ja, leider. Selbst wenn es so aussieht, als ob die Daten anonymisiert zur Verfügung stehen.

CS: Was heißt in diesem Kontext „anonymisiert“?

JK: statt der konkreten Person hat man nur eine eindeutige Nummer des Mobiltelefons.

CS: und warum kann man von dieser Nummer dennoch auf die Person schließen?

JK: Man braucht nur typische Muster zu extrahieren, wo sich die Person z.B. am Abend bzw. untertags meistens aufhält, verknüpft diese Information mit öffentlichen Daten wie Telefonbuch, Mitarbeiterlisten oder sozialen Netzwerken wie XING – und schon hat man den Personenkreis sehr stark eingeengt.

CS: Heißt das, dass man sagen kann, das Handy gehört wohl irgendwem von 50 konkreten Personen?

JK: Nein, in den meisten Fällen kommt man auf die richtige Person, der das Handy gehört.

CS: Kann man sich als Handy-Besitzer dagegen wehren, dass man derart verfolgbar wird?

JK: Nein – solange das Handy eingeschaltet ist, sind die Telefongesellschaften gesetzlich verpflichtet, die Bewegungsdaten 6 Monate lang zu speichern – eben die Vorratsdatenspeicherung. Die einzige Möglichkeit wäre, das Handy so oft wie möglich auszuschalten.

CS: Wenn man also den Komfort der Mobiltelefone nützen möchte, d.h. erreichbar sein und selbst telefonieren können, dann hat man Pech gehabt.

JK: So schlimm ist es auch nicht – solange die Daten nicht in die falschen Hände geraten.

CS: Die Daten stehen hoffentlich nicht öffentlich zur Verfügung, oder?

JK: Nein und es gibt wohl auch entsprechende Maßnahmen, um unerlaubten Zugriff zu verhindern.

CS: Wären Sie aus Expertensicht prinzipiell gegen die Vorratsdatenspeicherung?

JK: Ja, ich bin gegen die Vorratsdatenspeicherung. Ein wichtiges Grundprinzip sollte sein, dass Daten ausschließlich für den Hauptzweck, wofür sie gebraucht werden, verwendet werden. Darüber hinaus sollen sie nicht verfügbar, am besten gelöscht, sein. Im Fall der Telefone muss der Mobilfunkbetreiber für die Abrechnung natürlich wissen, wie lange wer telefoniert hat.

CS: Wie berechtigt sehen Sie das öffentliche Interesse an den Vorratsdaten, z.B. um Vermisste bzw. Verbrecher lokalisieren zu können?

JK: Ich verstehe diese Interessen und sie sind auch in einem gewissen Maße berechtigt. Wir sind hier in einem noch ungelösten Interessenskonflikt: Recht auf Privatsphäre und Interesse an Sicherheit.

CS: Wie soll man das im Alltag abwägen, wer könnte das abwägen? Ist das irgendwie praktikabel?

JK: Das ist nun die Problematik, in der sich unsere Gesellschaft befindet. Vieles ist technisch so leicht umzusetzen, dass man die Auswirkungen gar nicht so schnell verstehen kann, quasi überholt wird.

CS: Wird sich die Gesellschaft ändern, d.h. werden die Leute in der Zukunft viel sorgsamer umgehen mit persönlichen Äußerungen und Daten?

JK: Als Techniker kann ich das nicht fundiert beantworten. Ich sehe aber speziell bei unseren Jugendlichen die Tendenz, sich in dieser technischen Welt zu arrangieren.

CS: Wie kann ich mir das vorstellen?

JK: Die junge Generation weiß, dass Daten gespeichert werden und auswertbar sind. Einigen ist das überhaupt kein Problem, andere verwenden Pseudonyme in Diskussionsforen und auch in sozialen Netzwerken.

CS: Ist das ein hinreichender Schutz davor, dass z.B. ein Detektiv herausfinden würde, wer hinter dem Pseudonym steckt?

JK: Eigentlich nicht, das ist nur eine vermeintliche Sicherheit. Wie schon eingangs bei den Telefondaten erwähnt, sind schon so viele Daten über Personen öffentlich verfügbar, dass Rückschlüsse nicht allzu schwer sind.

Vorheriger Beitrag
Global Day of Coderetreat 2012
Nächster Beitrag
Das war der CCC 2012 in Hagenberg – mit Infographic

Related Posts

No results found

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Sie müssen den Bedingungen zustimmen, um fortzufahren

Menü