Keine Zeit für Geschenke

Keine Zeit für Geschenke

Manches verstehe ich nicht.
Manches ist mir komplett fremd.

Ja, dazu gehören die vielen Missbrauchsfälle, die jetzt bekannt werden.

Aber dazu gehört auch, dass Geschenke nicht angenommen werden.
Wir (= Catalysts) haben in den letzten Jahren am Ende einer Lehrveranstaltung oder am Ende eines Seminars oft Seminargutscheine ausgegeben.

Ich denke, dass bisher keine Handvoll dieser Gutscheine eingelöst worden ist.

In den letzten Wochen haben wir mehr als 1.500 Personen darauf hingewiesen, dass sie sich auf unserer Seminargutschein-Seite einen 100-Euro-Gutschein abholen können.

Von diesen 1.500 Personen haben 32 auf die Webseite geschaut.
Und kein einziger hat sich den Gutschein abgeholt.

Der Gutschein hat keinen wirklichen Haken, den ich erkennen könnte:

  • Okay, der Gutschein ist nicht in Bar ablösbar, aber ist fast immer so.
  • Okay, der Gutschein ist nicht mit anderen Vergünstigungen kombinierbar, aber das ist auch fast immer so.
  • Der Gutschein kann an andere Personen übertragen werden, d.h. man kann ihn verschenken.
  • Pro Person kann pro Jahr nur ein Gutschein eingelöst werden.

Meine Kollegen haben mir dann geholfen, einen hypothetischen Haken zu finden: Es handelt sich um einen Seminargutschein – und wer besucht schon Seminare.

Und da ist mir von einer mir fremden Welt berichtet worden:

  • Der typische Absolvent würde in den ersten Berufsjahren gar nicht daran denken, ein Seminar zu besuchen. Er mache halt, was ihm angeschafft wird.
  • Der typische Projektmitarbeiter hat so viel Stress, dass er sowieso keine Zeit für Seminare hat (“lieber mit der stumpfen Säge weiter arbeiten als sie zu schleifen”).
  • Wenn man einen Seminargutschein hat, müsste man sich darum kümmern, dass man auch ein Seminar besuchen darf.
  • Die Firmen zahlen den Mitarbeitern sowieso keine Seminare.
  • Wer einmal ein paar Jahre wo gearbeitet hat, hat ohnehin schon resigniert und sitzt nur mehr seine Zeit ab.

Als ich im Jahr 2000 nach meinem Doktorat zur IBM gekommen bin,

  • habe ich mich natürlich gleich erkundigt (bei Kollegen, im Intranet usw.), welche Weiterbildungsmöglichkeiten es so gibt
  • habe ich Kollegen gefragt, welche Schulungen gut sind
  • habe ich meinen Chef gefragt, was möglich ist

Mir ist nichts auf dem Silbertablett präsentiert worden. Aber ich habe diese Informationen aktiv gesucht und auch gefunden. Und ich habe schlussendlich jede Schulung besuchen dürfen, die ich mir in den Kopf gesetzt hatte.

Ich habe in den 5 Jahren bei der IBM

  • mehr als 50 Schulungstage “in der Klasse” gehabt
  • Dutzende “self learning”-Kurse durchgearbeitet
  • Dutzende Redbooks durchgearbeitet
  • etliche “distance learning”-Kurse mitgemacht (typischerweise wegen der Zeitverschiebung mitten in der Nacht)

Aber das war für mich nur die Basis für mehr:

  • Ich habe Kontakte zu Trainern geknüpft und bin selbst Trainer geworden.
  • Ich habe selbst mehr als 15 Schulungen (2 bzw. 4 Tage) gehalten.
  • Ich bin als IT-Architekt zertifiziert worden (“Master Certified IT Architect” gemäß dem IT Architect Certification Program der OpenGroup).
  • Ich bin zum Methodenexperten geworden.
  • Ich habe vielen Teams geholfen, die IBM-Vorgehensweise im Projektgeschäft pragmatisch anzuwenden.
  • Ich bin ins Technical Experts Council gewählt worden (einer Tochter-Gesellschaft der “IBM Academy”; die 100 besten Techniker der IBM aus Deutschland, Österreich und der Schweiz).
  • Ich habe auf Konferenzen der IBM Academy vorgetragen.
  • Ich habe an Studien der IBM Academy mitgearbeitet.
  • Ich habe pro Jahr etwa 30 bis 40 Fachbücher gelesen (die jetzt auf unserem virtuellen Bücherregal stehen)

Hätte mir damals jemand einen Seminargutschein angeboten, ich hätte ihn sofort genommen. Ich hätte den Seminargutschein als Chance gesehen.

Anscheinend ist gerade keine Zeit für Geschenke.
Unsere Seminargutscheine werden jedenfalls nicht angenommen.
Auch wenn man sie ohne jede Verpflichtung und Gegenleistung annehmen könnte.
Auch wenn wir in unseren Seminaren nur Sachen erzählen und vermitteln, die uns wirklich weitergeholfen haben, die nachweislich funktionieren und Erfolg bringen.

Ich verstehe das nicht.
Auch jetzt nicht, nachdem ich diesen Artikel geschrieben habe.

Aber vielleicht schreibt ja wer einen Kommentar und hilft mir, diese Welt zu verstehen.

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4 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

Hm. Vielleicht passt die Zielgruppe nicht? Was wenn, Ihr die Gutscheine der HR-Abteilung, der Chefsekretärin etc. anbietet? Vielleicht hilft auch eine Umbenennung in “Rabatt-Gutscheine” – denn das sind sie auch, nicht?

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Nett geschriebener Blog-Eintrag – hat bei mir sofort gewirkt dass ich mir den 100-Euro-Catalysts Gutschein hole 😉

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Liegt es nicht auch einfach daran, dass in den meisten Firmen leider immer noch zu wenig Geld für Aus- und Weiterbildung bereit gestellt wird (Stichwort/Ausrede Krise). Auch mit Gutschein fallen Kosten an …

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Ein 100 Euro Gutschein ist wirklich schon ‘ne Menge. Obwohl ich festgestellt habe, dass die Entscheidung sich ein Produkt zu kaufen (oder in eurem Fall ein Seminar zu besuchen) nicht vom Gutschein abhängt, sondern schon vorher gefällt wird. Der Gutschein wird dann eben gerne mitgenommen.

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