Relavitivätstheorie für Seminare

Vor kurzem habe ich ein Seminar besucht und war etwas enttäuscht darüber, wie wenig Neues ich gelernt hatte.
Meine erste Reaktion war, einen verärgerten Blog-Artikel zu schreiben.
Viel besser wäre es gewesen, eine Nacht darüber zu schlafen…

… nun gut, geschlafen habe ich jetzt 2x darüber. Wenn ich ein paar Schritte zurück steige und über die Situation reflektiere, ergibt sich ein ganz neues Bild.

Typische Lernkurve


Wenn ich mich mit einem neuen Thema beschäftige, erwarte ich eine Lernkurve: am Anfang ist es schwierig, ich verstehe die Begriffe kaum, kenne mich nicht aus. Allerdings lerne ich am Anfang auch schnell was dazu. Mit der Zeit kenne ich mich besser aus, das Lernen macht mehr Spaß. Wenn ich mich schon sehr gut auskenne, wird es immer mühsamer, wertvolle Wissens-Häppchen zu finden.

Ich lerne in etwa in folgenden Stufen:

  • ich lese wo etwas Interessantes, einen Artikel, eine Rezension, ein Buch usw.
  • ich mache erste Gehversuche, probiere das Neue ein bisschen aus
  • wenn es Potenzial hat, besuche ich Workshops und Tutorials z.B. auf Fachkonferenzen
  • ich lese weitere Bücher, sammle mehr Erfahrung
  • ich suche den Kontakt zu Kollegen und Experten und tausche mich mit ihnen aus
  • daraus ergeben sich oft interessante Diskussionen und Hinweise auf weitere Bücher, Workshops, Personen usw.
  • ich bereite das Thema für andere auf und halte kurze Vorträge darüber
  • wir sammeln mit dem Thema noch mehr Erfahrung, in Projekten, bei der Produktentwicklung, in der Unternehmensberatung usw.
  • ich bereite zum Thema eine Lehrveranstaltung vor (in der Regel eine Wahllehrveranstaltung an der Universität bzw. Fachhochschule, weil das Thema noch “zu neu” für Pflichtlehrveranstaltungen ist)
  • ich lerne durch die Fragen der Studenten und durch die Fallbeispiele weitere Facetten
  • ich bereite zum Thema ein öffentliches Seminar vor
  • ich variiere den Ansatz mit anderen, stelle die Techniken gegenüber
  • ich experimentiere und kontextualisiere – in welcher Situation / unter welchen Bedingungen ist welcher Ansatz der bessere

Alistair Cockburn erklärt diese Stufen mit dem Shu-Ha-Ri-Modell.
Benjamin Bloom hat mit seiner Taxonomy für Lernziele ein ähnliches Stufenmodell aufgestellt.

Wenn ich auf die letzten 2 Jahrzehnte zurückblicke, waren für mich die folgenden Themen interessant:

  • 1995-2002: Softwareentwicklungsmethoden
  • 1999-2005: XP, agile Softwareentwicklung, agiles Projektmanagement
  • 2000-2003: Use Cases, agile Anforderungsdefinition
  • 2002-2004: TDD, Scrum
  • 2002-2005: (agile) Architektur
  • 2003-2004: Lean Software Development, The Toyota Way
  • 2004-2006: Cashflow, Selbständigkeit
  • 2003-2007: Agile Estimating & Planning, User Stories, Personas
  • 2004-2006: Theory of Constraints
  • 2006-2008: Usability
  • 2008-2009: Internet Marketing
  • 2008-2010: Produktivität im Büro, alleine und im Team

Seminare sind relativ gut für den einen …

Mit Anforderungsanalyse, Use Cases, User Stories befasse ich mich schon seit 10 Jahren intensiv. Da befinde ich mich auf der Lernkurve schon sehr weit rechts. Auf “Gold Nuggets”, auf die kleinen Häppchen an neuem Wissen, stoße ich nur mehr ganz selten.

Von dem Seminar von David Platt am Anfang der Woche hätte ich mir das eine oder andere Gold Nugget erwartet. Leider hat’s das für mich nicht gegeben. Viele andere Teilnehmer waren auf der Lernkurve viel weiter links und haben etliche Gold Nuggets einsammeln können.

Somit ist es ganz klar, dass die einen vom Seminar begeistert waren und der andere enttäuscht.

Die Relativitätstheorie gilt auch für Seminare, da sich jeder wo anders auf seiner persönlichen Lernkurve befindet.

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